Berliner Morgenpost, 21. Mai 2008

Im vergangenen Jahr hatte das Berliner Artemis-Quartett zwei schmerzhafte Abgänge zugleich zu beklagen. Und nun das: Auch ihre Kollegen vom Leipziger Streichquartett hat es erwischt. Inmitten der Feierlichkeiten zum 20jährigen Dienstjubiläum warf Primarius Andreas Seidel das Handtuch. Doch während man bei den Artemis-Leuten noch nicht so recht weiß, wohin sie sich musikalisch entwickeln werden, bleibt bei den Leipzigern alles beim Alten. Mit dem Neuzugang Stefan Arzberger pflegen sie weiterhin ihre Leipziger Quartetttradition, die gänzlich auf Geschlossenheit und Klangschönheit ausgerichtet ist. … Hintergründiger Spielwitz und abgeklärte Gelassenheit veredelten Beethovens Abschiedswerk. In der zweiten Hälfte des Beethovenabends schwangen sich die Leipziger zu einer interpretatorischen Höhe auf, wie man sie nicht einmal von ihren besten Aufnahmen kennt. Das revolutionäre Gestrüpp des „russischen” Quartetts Op. 59 Nr. 3 durchdrangen sie mit ungewohntem Feuereifer, hemmungsloser und unmittelbar packender Spielfreude.
Felix Stephan

 
Bonner Generalanzeiger, 28. März 2008

Eigentlich sollte das Konzert des Leipziger Streichquartetts im Kammermusiksaal des Beethoven-Hauses der Auftakt zu einem Zyklus mit allen Quartetten Ludwig van Beethovens sein. Anlässlich des 20jährigen Jubiläums der vielfach als „bestes deutsches Quartett” apostrophierten Formation hat man geplant, Beethovens Quartette in ihrem musikalischen und historischen Kontext zu spielen, doch wurde der Auftakt zu dieser ambitionierten Reihe, für den es wohl kaum einen passenderen Ort und mit Beethovens Todestag auch Zeitpunkt gegeben hätte, durch äußere Umstände vereitelt. Das Quartett befinde sich zur Zeit im Umbruch, wie Cellist Matthias Moosdorf erläuterte, da Primarius Andreas Seidel, der seinen Abschied aus dem Quartett bekannt gegeben hat, den Beethoven-Zyklus aber noch mitspielt, kurzfristig erkrankt war. So musste man schon in der neuen Besetzung und mit neuem Programm antreten. Stefan Arzberger heißt der neue Mann am ersten Pult des Leipziger Streichquartetts, der sich – dem ersten Eindruck nach zu urteilen – bestens in die Formation einfügt. Auch auf Beethoven musste man nicht verzichten und mit dem F-Dur Quartett op. 135 gab es auch gewiss keine Verlegenheitslösung. Das Spiel des Quartetts, das durch Tilman Büning an der zweiten Geige und Ivo Bauer an der Viola komplettiert wird, überzeugte durch eine superbe Klangkultur auf allerhöchstem Niveau. Beethovens dichten Satz gestaltete man sehr transparent und klar, etwa dritten Satz, der ein schier endloser Gesang von geradezu berückender Schönheit und Intensität war, oder mit subtilsten Abstufungen in der langsamen Einleitung des Finalsatzes. Auch Franz Schuberts Quartettsatz c-Moll (D 703), ein atemloser, aus einem Guss gestalteter Parforceritt, wurde mit Leib und Seele musiziert. Hier bewies auch der neue Primarius viel Einfühlungsvermögen und Mut zum Risiko. Mit Theodor W. Adornos Sechs Miniaturen für Streichquartett spielte man anschließend ein instruktives Beispiel aus dem kompositorischen Schaffen des Hohepriesters der einstigen musikalischen Avantgarde. Das Leipziger Streichquartett rückte Adornos expressive Miniaturen ins beste Licht. Mit dem Streichquartett a-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy gab es nach der Pause ein aufschlussreiches Beispiel des romantischen Beethoven-Rezeption zu hören, das vom Leipziger Streichquartett mit großer Tiefenschärfe und einem das gesamte Werk zusammenhaltenden Spannungsbogen gespielt wurde. Die formale Klammer, die Mendelssohn um sein Stück gesetzt hat, wurde auch in der vorbildlichen Interpretation der vier Musiker nachvollziehbar. Zwischendurch gab es immer wieder Momente höchster künstlerischer Vollendung, etwa den innig gestalteten zweiten Satz oder das blitzsauber gespielte Trio des dritten Satzes. Auch in der neuen Zusammensetzung dürfte das Leipziger Streichquartett zweifelsohne zu der absoluten Spitze in seiner Disziplin gehören.
Guido Krawinkel (Link)

 

 
de Stentor, 25. Februar 2008
Scelsi? Nooit van gehoord. Tot ik, jaren geleden, in Barcelona in een zijstraat van de Ramblas een dubbel-cd van zijn strijkkwartetten pop de kop kon tikken. De uitvoering door het in moderne muziek gespecialiseerde Arditti Kwartet moest een kwaliteitsgraadmeter zijn. Een intrigerende componist, zo bleek. Spelen in zijn eerste kwartet harmonie en contrapunt nog een zekere rol, in het – in de Deventer Schouwburg uitgevoerde – derde kwartet is hij extreem gefocust op verinnerlijking van de klank, zodat die als het ware implodeert. De eigenaardige, enigszins Oosters aandoende sfeer met micro-intervallen, subtiele variatie in ritme, intensiteit, timbre, tempo en sterkte, realiseerde het Leipziger Streichquartett razend knap en minstens gelijkwaardig aan de Arditti's. Uiterst geconcentreerd, dubbel- en meergrepen en passant meenemend, cirkelden ze geregeld om één toon heen. Het was fascinerend! Even fascinerend en gemakkelijk haalden de muzikanten het beste uit zichzelf boven in het strijkkwartet opus 51, nummer 2 van Brahms en opus 59, nummer 3 van Beethoven. Subliem van toonvorming, in superbalans, transparant, tot in de puntjes verzorgd en toch vol emotionele lading, zonder expressieve overdrijving. Charmant en mild, etherisch, als een intieme confidentie in het andante, vol spirit in de 'zigeunerfinale' (Brahms). Net zo sensibel, harmonieus en levenslustig in Beethovens kwartet. En na de nostalgische recreatie van het rococo-menuet TGV-achtig, zonder van streek te raken in de uitbundige finale. Met een toefje Bach als toegift ging 'die Sonne nieder'. Onmiddellijk weer contracteren deze superartiesten!
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Pamina – Klassik online im Südwesten, 29. Januar 2008
Ein paar Takte Musik vom Leipziger Streichquartett – und die Atmosphäre flirrt. Fordernd und beinahe provokant, als habe man es mit dem leibhaftigen Beethoven zu tun, schleudern sie dem Publikum ihre Musik entgegen und ziehen die Hörer anschließend hinein in die Schönheiten jeder Partitur … Diesen unverblümten, direkten Ausdruck hört man schon in den ersten Tönen; noch sind es angefangene Gedanken, aber sie haben bereits jene unberechenbare Energie in sich, die das gesamte F-Dur-Streichquartett (op. 18/1) ausmacht: urplötzliche Wendungen und erregte Impulse, dazu markante Rhythmen. Man setzt zuerst wohl formulierte, sehr sorgsam abgeschwungene Phrasen und gibt sich im nächsten Moment einer entfesselten Energie hin; sie scheint über die vier genau im Augenblick des Spiels hereinzubrechen. Dem Hörer treibt es dabei den Puls in die Höhe: Musik, bei der man mitfiebert. Dann der Kontrast: Im zweiten Satz bietet sich ein völlig anderes Bild, eine betörende, sich zart aufschwingende Melodie in der ersten Violine, die immer noch von einem leisen Pulsieren bewegt wird und dann sämtliche Stimmen durchzieht – so, als würden alle Gedanken erst daran geschärft. Der ganze Satz bleibt in Bewegung, ganz im sinne eines „Adagio affettuoso”; man hört ein fahles Flimmern, dann helle Gedankenblitze und zarte Gesten, die jäh abreißen. An ein rhythmisch geschärtes Scherzo schließt ein unglaublich wacher, virtouser Lauf, der den letzten Satz zusammenhält: Ein gleichmäßig energetischer Fluss trotz hoch komplexer Figuren, trotz durchbrochener Gedanken. Danach, meint man, ist schon alles gesagt – aber die Musiker des Leipziger Streichquartetts fügen nun die elegante Note hinzu. Beethovens G-Dur-Quartett aus op. 18 wirkt wie ein gut gelauntes Gespräch; man überbietet sich gegenseitig in Höflichkeit und Galanz, aber dennoch bestimmen Klarheit und Bodenständigkeit auch hier die Konversation, obwohl man sich leidenschaftlich den eloquenten Floskeln hingibt. Ein Höhepunkt ist das Adagio: Die vier nehmen das „cantabile” wörtlich und setzen an zu sprechenden, weit angelegten Bögen; diese Bögen öffnen die Konversation und sind eine Inspirationsquelle für ein wachsames und angeregtes Wispern. Auch der zweite Teil des Abends bleibt in dieser erregten Atmospäre: Das D-Dur-Quartett ist ein zugespitztes und dichtes Gespräch, manchmal nachdenklich und lyrisch-versonnen. Einen Augenblick lang wirkt alles zerbrechlich und wird dementsprechend vorsichtig angefasst, im nächsten Moment ist man aufgewühlt, übermütig und stachelt sich an, man jagt sich über lange Passagen hinweg und setzt dann einen überraschend neckischen Schlusspunkt, der beispielhaft ist für all die rasanten Wendungen und Stimmungswechsel: Das Publikum bedankt sich mit lauten Bravos.
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Rhein-Neckar-Zeitung, 19./20. Mai 2007
Das Ensemble ist geradezu ein Musterbeispiel an Beständigkeit und Geschliffenheit – so auch beim Saisonfinale der Gesellschaft der Musik- und Kunstfreunde Heidelberg in der Alten Aula … Das wunderbar durchdachte und kultivierte Ensemblespiel garantierte schon in Beethovens Opus 18/2 schönste Hörfreuden. In ihrem feinen Witz wie in ihrer noblen Lyrik machte diese exquisite Wiedergabe faszinierend klar, dass der frühe Beethoven hier wohl doch eher eine Haydn-Hommage als eine Haydn-Parodie schreiben wollte … Die Interpretation von Béla Bártoks erstem Streichquartett zeigte das ganze Reife Können der vier Meister aus Leipzig: ungemein ausgewogen und farbdifferenziert im Klang, ebenso formbewusst wie detailgenau in der Gestaltung, mit bestem Gespür für werkspezifische Binnenstrukturen und Spannungsverläufe, dazu ohne jeden Zug von Überpointierung oder Effekthascherei. Eine Bartók-Interpretation wie aus einem Guss, die Stilklassizität und Ausdrucksintensität souverän zu verbinden wusste.
Schumanns A-Dur-Quartett op. 41/3 schließlich war bei den Leipzigern von einer duftigen Eleganz beseelt, welche unmittelbar an den Widmungsträger Felix Mendelssohn Bartholdy erinnerte und die besondere Poesie dieses Werkes ergreigend heraus brachte … Mit dem Bachschen Choral „Der Tag ist hin” BWV 447 bedankte sich das Quartett am Ende bei ihrem begeisterten Heidelberger Publikum.
 
KulturSPIEGEL, 2/2007
Es ist vollbracht. Bereits vor seinem 20jährigen Jubiläum im nächsten Jahr hat das Leipziger Streichquartett allen Grund zum Feiern: Auf insgesamt neun Einzel-CDs liegt nun sein kompletter Beethoven-Zyklus vor (MDG). Seit Karrierebeginn hat sich das Leipziger Ensemble mit Beethoven beschäftigt, ist an ihm gewachsen und gereift. Nicht zuletzt durch ihre Beethoven-Interpretationen avancierten die Leipziger zu einer international begehrten Quartettformation. Zwischen der ersten und der letzten Aufnahmesitzung sind über zwölf Jahre vergangen. Eine lange Zeit, doch das Warten hat sich gelohnt. Mit dem Beethoven-Quartett op. 130 und der Großen Fuge op. 133 gelingt den Leipzigern ein krönender Abschluss des Großprojekts (MDG, 2007). Das Hagen-Quartett und das Takács-Quartett haben mit ihren Einspielungen des B-Dur-Quartetts in der jüngeren Vergangenheit Maßstäbe gesetzt (DG, 2002 und Decca, 2004). Neben der ruppigen Direktheit der Hagens und der elektrisierenden Expressivität des Takács-Quartetts wirken die Leipziger eher milde und zahm, doch das täuscht. An Präzision und Leidenschaft stehen sie der Konkurrenz in nichts nach, verfolgen aber ein anderes Klangideal – ein Klangideal, das in der Tradition des Suske-Quartetts und des Gewandhaus-Quartetts zu stehen scheint. Das Leipziger Streichquartett pflegt jenen runden, edlen, obertonreichen Klang, der auch in der höchsten Erregung seine musikalische Substanz behält. Die Akustik der Paul-Gerhardt-Kirche zu Leipzig passt dazu sehr gut. Durch sie erhält die Musik etwas Sphärisches, Weltentrücktes. Der erste Satz mit seinen charakteristischen Adagio-Allegro-Wechseln wird von den Leipzigern kontrastreich und farbenprächtig dargeboten. Während sich in den Adagios Melancholie und Feierlichkeit mischen, entwickeln die freudig erregten Allegros einen unwiderstehlichen Zug. Im dritten Satz beweisen die Leipziger großes Gespür für die überraschenden harmonischen, melodischen und rhythmischen Effekte, mit denen Beethoven jongliert. Elegant und graziös inszenieren sie den stetig durchbrochenen Kompositionsstil. Der fünfte Satz (Cavatina) klingt erfrischend unsentimental. Zum einen wählen die Leipziger ein natürlich fließendes Tempo, das Übersicht und Zusammenhang schafft, zum anderen erzeugen die dunkle Klangfarbe und das innerlich empfundene Espressivo einen würdevoll zurückhaltenden Charakter. Häufig unterschätzt worden ist das nachkomponierte Finale, ein seltsamer Zwitter aus Rondo und Sonatenform. Hinter der Fassade scheinbar formaler Korrektheit verstecken sich immer wieder unglaubliche Brüche, Kontraste und Widersprüche. Dieser von Beethoven so beiläufig wie virtuos inszenierte Auflösungsprozess wird von den Leipzigern vortrefflich erfasst. Mit unschuldig-naivem Charme und humoristischen Untertönen evozieren sie eine heiter-beschwingte, locker-gelöste Atmosphäre. Ursprünglich war allerdings die Große Fuge op. 133 der letzte Satz des B-Dur-Quartetts. Ein weit in die Zukunft weisendes Werk, das immer wieder auf Unverständnis gestoßen ist und bis heute nichts von seiner rücksichtslosen, schockierenden Exzessivität verloren hat. Auch dem geübten Zuhörer der Gegenwart fällt es schwer, sich einen Weg durch das wuchernde Kontrapunkt-Gestrüpp zu bahnen. Das Hagen-Quartett und das Takács-Quartett haben die urwüchsige Wucht und das erhabene Chaos der Fuge in ihren Einspielungen kongenial umgesetzt. Waghalsig schöpfen sie die dynamischen Extreme aus und schrecken auch vor hässlicher Brutalität nicht zurück. Die scharf profilierten Einzelstimmen krallen sich in die Gehörgänge des Rezipienten und verursachen beinahe physischen Schmerz. Die Leipziger dagegen bieten eine vergleichsweise gemäßigte, gesittete Interpretation, die dem Zuhörer die Hand reicht und das Unerklärbare zu erklären versucht. Der Nachhall des Aufnahmeortes unterstützt ihr sinfonisches Klangverständnis und schafft ätherische Distanz.
 
Der Bund (Schweiz), 18. Oktober 2006
Die vier sind im Wortsinn ein eingespieltes Team. Flexible Übergänge, wirkungsvolle Tempoverzögerungen oder ganz frei gestaltete Passagen gelingen, ohne dass man sich deswegen eines Blickes zu würdigen braucht. Zu tief scheint das Einverständnis zu sein, mit dem die vier Streicher die Phrasen gestalten. Gewiss: Die gemeinsame musikalische Herkunft aus der Mitte des Leipziger Gewandhausorchesters, dem drei der vier Quartettmitglieder angehört haben, mag das Ihrige dazu beigetragen haben. Ungleich bedeutender erscheint aber, welchen gemeinsamen Weg die vier Musiker in den nunmehr dreizehn Jahren ihrer freischaffenden Tätigkeit gegangen sind. Primarius Andreas Seidel gibt mit bewundernswertem geigerischem Impetus forsche Impulse, die vom Cellisten Matthias Moosdorf mit kompakten, gestischen Interventionen geerdet werden. Tilman Büning und Ivo Bauer gestalten die Mittelstimmen mit nicht gestisch verstandener Umsicht, stets sachdienlicher Detailverliebtheit und kreativer Unruhe. Dieser Beethoven-Interpretation nimmt man das Aufmüpfige, bisweilen Revolutionäre selbst im Rahmen eines etablierten Kammermusikkonzerts im Berner Konservatorium ab.Was die vier Musiker unter organischem Musizieren verstehen, zeigte sich auch in ihrer Interpretation von Robert Schumanns Quartett A-Dur op. 41 Nr. 3: schlanke Klanggebung, Genauigkeit des Ausdrucks, ohne dass eine Phrase jemals abgezirkelt klingen würde. Alles wirkt so selbstverständlich, ohne dabei seine Bedeutsamkeit zu verlieren. Delikat gedeckte Klänge stehen neben belebend wirkenden, raffiniert verschobenen Akzenten.
 
Bayerischer Rundfunk, CD-Tipp vom 27.4.2006
Die Transparenz, die Klarheit des Tons, die Durchhörbarkeit der Struktur, das Verständnis für die unterschiedlichen Anforderungen intellektueller und künstlerischer und emotionaler Art der unterschiedlichsten Komponisten aus den unterschiedlichsten Zeitaltern und ihr Vermögen, das dann auch klanglich umzusetzen, ohne irgendwie affektiert-effekthascherisch zu agieren, das alles räumt den Vieren einen Sonderplatz ein im internationalen Konzert der Weltklasse-Quartette. Und davon gibt es ja nun wahrlich nicht so unendlich viele…
 
Neues Deutschland, 17. Januar 2006
Bestechender homogener Zusammenklang, elegante Diktion und ein subtiles Miteinander bestimmen dieses ungemein deutliche, klanglich und gestisch fesselnde Musizieren. Ein virtuoses, an Leichtigkeit und Charme einmaliges Mozartspiel.
 
Kulturradio Berlin, 14. Januar 2006
Nun arbeitet das Leipziger Streichquartett bereits seit einiger Zeit mit Hartmut Rohde zusammen, und da verwundert es kaum, dass alle fünf in einer Qualität harmonieren, als würden sie ein festes Quintett bilden; am Zusammenspiel war nicht das geringste auszusetzen. Vor allem aber: Bei aller Harmonie sind sie dennoch Individualisten geblieben; es geht richtig zur Sache, ist keine Sekunde langweilig im Sinne einer verfehlten Abgeklärtheit. Der Hörer wird an die Hand genommen; man erfährt unmittelbar, wie aufregend, geradezu unberechenbar Mozart hier komponiert hat. Es entspinnt sich ein richtiger Wettstreit: Motive werden nicht nur von einem Instrument an das nächste weitergereicht, der eine versucht vielmehr seinen Vorgänger noch zu übertrumpfen, der bereits bekannten Figur eine eigene Note zu verleihen… Es war ein Erlebnis, wie hier niemand in übertriebener Ehrfurcht vor dem großen Genie Mozart erstarrte, sondern auf eine mitreißende Art und Weise das oft unter der Last gut gemeinter Anbetung zusammenzubrechen drohende Werk zum wirklichen Leben erweckt wurde. In dieser Kompromisslosigkeit entdeckte das erweiterte Leipziger Streichquartett eine in diesem Ausmaß neue Dimension im Mozartschen Schaffen – auf einem Niveau, das so schnell wohl kaum überboten werden kann.
 
Berliner Morgenpost, 15. Januar 2006
Den Beginn machte natürlich Mozarts Quintett in B-Dur KV 174. Es setzt Konversation zu Fünft. Mitunter, wie im Menuett, noch bezaubernd daherplappernd, im Adagio aber schon sich warmherzig aufgipfelnd zu einer zarten Ausdrucksgewalt, die von den Leipzigern aufs anrührendste herausgesungen wurde… Das Leipziger Streichquartett (plus Rohde) stellte funkelnd aus, allerdings ohne mit ihr nachdrücklich brillieren zu wollen… Die Leipziger öffneten die Tore sperrangelweit.
 
Leipziger Volkszeitung, 7. Dezember 2005
…so ist das beim LSQ nun schon verlässlich seit Jahren, und wenn es im kulturellen Leipzig etwas gibt, was unangreifbar bleibt, so ist es die hiesige Kammermusikszene. Nach wie vor analysiert und interpretiert das Quartett um Primarius Andreas Seidel das romantische Erbe mit treffsicherer Gründlichkeit und einem Klang, um den man die Mendelssohn-Stadt auch auswärts beneidet. Hier geht es erwartungsgemäß nicht um Effekt, sondern um Vollstreckung. Notfalls gnadenlos, aber immer im Dienste der Kunst. Sicherlich passen deshalb die Ansätze von Interpret und Komponist in diesem Fall besonders gut zusammen.
 
Aargauer Zeitung, 10. Mai 2005
Das Leipziger Streichquartett darf sich seit Jahren zu den ganz Großen seiner Zunft zählen. Sie gehen (Beethovens op. 18/6) locker und entspannt an, da gibt es keine Spur von übertriebener oder gar effektheischender Geste. Alles ist wohldurdacht und wird wunderschön ausformuliert. Dem aufmerksamen Hörer wird eine überreiche Palette unterschiedlichster Klangfarben, Nuancen und Schattierungen geboten. Die Leipziger agieren mit bewundernswerter Selbstverständlichkeit und Gelöstheit, alles an ihrer Interpretation wirkt richtig, schlüssig, zwingend. In vielen Quartetten ist der Primgeiger leuchtender Stern, umgeben von drei Trabanten. Selbstredend, dass dies bei den Leipzigern nicht der Fall ist: Das Quartett bildet in idealer Weise eine Einheit. Unüberhörbar machen die Musiker klar, dass sie anderen Quartetten um Bogenlängen voraus sind.
 
Nürnberger Zeitung, 15. Dezember 2004
Stürmische Zustimmung und Bravo-Rufe nach einer beispielhaften Interpretation. Hier war zu erfahren, was exzellentes Streichquartettspiel ist. Die vier Herren des Leipziger Streichquartetts sind Stürmer und Dränger, ihr Spiel ist hochexplosiv und zündend.
 
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. Oktober 2004
Das Quartett erwies sich sich als der denkbar beste Fürsprecher dieser (A. Bergs) Musik, die eine in allen Facetten sorgsam austarierte Interpretation erfuhr. Was die Leipziger jedoch grundsätzlich auszeichnet, ist – neben absoluter Intonationsreinheit – die liebevoll exakte Sorgsamkeit an Phrasenenden, die sonst oft kurz abgerissen im Nichts enden. Selbst kräftigere Akzente werden … nie als pastose Drücker ins Feld geführt. Alles wirkt luftig, hell, oft auch grazil. Wiener Klassik und Leipzig – in diesem Fall eine erlebenswerte Symbiose.
 
Bonner Rundschau, 11. Mai 2004
Das Leipziger Streichquartett war eine Offenbarung beim Konzert in Beethoven-Haus, als Andreas Seidel, Tilman Büning, Ivo Bauer und Matthias Moosdorf an passendem Ort Lektionen in flexiblem Spiel erteilten. Sehr delikat, perfekt, ausbalanciert. So ausgewogen in der Besetzung findet man nicht viele Quartettvereiniungen. Andreas Seidel ist ein feiner, intelligenter Primarius. Er ist das, weil seine Partner auf demselben Niveau mit ihm korrespondieren. Wie bei ihnen, weit weg vom Disparatklang vergangener Jahrzehnte, wieder bei Beethovens op. 18/6 etwas vom klassischen Grundkonsens zurückgewonnen erschien, elegant und leuchtend und mit allen Akzenten und Verweisungen, das kann man postmodern nennen. Die Präsenz der Leipziger macht kein Aufhebens, ist aber voller Überzeugungskraft.
 
Südwestpresse, 10. Mai 2004

Lauter große B's: Das Leipziger Streichquartett war mit Beethoven, Berg und Brahms zu Gast. Das Ensemble bot brilliante Klangkultur – von „con brio” bis „amoroso”. Vor allem eine Eigenschaft zeichnet dieses Ensemble aus: Verglichen mit dem jungwilden Hagen-Quartett oder dem schönklangfixierten Juillard Quartet versuchen die vier Streicher um Primarius Andreas Seidel, zwischen Klangkultur und Ausdrucksintensität einen Ausgleich zu schaffen. Schon in Beethovens op. 18/6 zeichnen sich die Qualitäten des Leipziger Streichquartetts ab. Selten hat man das "Con brio" so rasant gehört, voller Elan und doch in perfekt abgerundeter Homogenität. Musikalische Seelenlandschaften entfaltet das Ensemble vollends in Bergs „Lyrischer Suite”. Die Streicher aus Sachsen werten das Werk zum Seelendrama auf – bekenntnishaft packend und dennoch in nobler Klangperfektion musiziert. Die Brillianz der Leipziger ließ sich dann im Brahms' op. 51/1 auch für alle jene Zuhörer nachvollziehen, die mit Bergs zerklüftetem Stil nicht so viel anfangen können: Atemberaubende Kontraste, tumultartige Dramatik, herrliche Kantilenen und eine in zartem Hell-Dunkel zuaberhaft skizzierte „Romanze”.

 
Stuttgarter Nachrichten, 3. September 2003
Gesprächskultur heißt: den anderen ausreden lassen, sich einfühlen in den Menschen, mit dem man sich unterhält. Und Gesprächskultur heißt auch: Meinungsverschiedenheiten austragen, Positionen herausarbeiten und womöglich am Ende das Unterschiedliche zusammenführen. So verstanden, war der nächtliche Auftritt des Leipziger Streichquartetts im Mozartsaal ein Musterbeispiel für gepflegte Gesprächskultur: Wenn Andreas Seidel,Tilman Büning, Ivo Bauer und Matthias Moosdorf Brahms' a-Moll-Quartett (op. 51,2) spielen, dann tun sie das in ausdrücklichem Miteinander. Dann wird auch die kleinste Phrase als Mittel der Kommunikation verstanden. Klangfarben, Dynamik, Tempo gehen da in eins. Man spielt aufeinander zu, man spielt miteinander, ganz selbstverständlich: wie Freunde, die sich so lange schon kennen, dass bei ihnen die Verständigung untereinander keiner Worte, ja nicht einmal eines Blickkontaktes bedarf. Sicherlich: Kommunikationskultur kann auch dort stattfinden, wo Meinungen härter aufeinander prallen, wo sich Gegensätze aneinander abarbeiten. Bei Brahms jedoch, dessen Musik ja stark von der Vernetzung der Gesten, von einer lebendigen Binnenstruktur lebt, könnte kein Zugriff stimmiger sein als derjenige, den das betont integrative Spiel des Leipziger Streichquartetts verkörperte.
 
Esslinger Zeitung, 3. September 2003
Milder strömen kann beseeltes Melos nicht als im Kopfsatz des Streichsextetts B-Dur op. 18 von Johannes Brahms. Das erweiterte Leipziger Streichquartett ließ im Mozartsaal das frühe Werk wie edel gereiften Wein in durchaus neue Schläuche fließen. Soll heißen: Die sensibel registrierten Klangfarben, die organisch schwellende und schwelgende Dynamik, die Finesse der rhythmischen Begleitfiguren und der Agogik mündeten in keinen pensionierten Behaglichkeitston, der Brahms' fortgeschrittenes Formdenken mit opahaftem Plüsch überzogen hätte. Völlig unforciert erreichte etwa die Schlussgruppe des Kopfsatzes nach einem Trugschluss gebührend bohrende Intensität, bis schließlich die Coda alle Spannung ins serenadenhafte Pizzicato auflöst. Und so entfaltete das Werk – namentlich im Bilderbogen des chaconneartigen Variationensatzes mit seinen stürmisch wogenden Cello-Skalen und seinen silbrigen Flageoletts – eine fast schon „Mahlerische” Kraft der Imagination. Was ja, gleichsam als Surplus einer Spitzeninterpretation, dem Stuttgarter Musikfest trefflich ins Programmkonzept passt.
 
Esslinger Zeitung, 2. September 2003
Brahms' Quintett f-Moll op. 34 hatte bis zur Letztfassung mit Klavier und vier Streichern eine lange Reifezeit hinter sich. Im zweiten, seiner Kammermusik gewidmeten Nachtkonzert des Musikfests, ließen das Leipziger Streichquartett und Peter Rösel am Flügel diesem Werk eine Darstellung zuteil werden, die in der vollendeten Balance eines vornehm gezügelten Temperaments und eines biegsam modellierten melodischen Strömens wie in ihrer lichten Transparenz der kompositorischen Struktur nachhaltig beeindruckte. Dem leidenschaftlichen Tonfall des einleitenden Allegro non troppo hatte man den gefürchteten ?erdruck zu nehmen vermocht. Der Klavierpart war perfekt in das Gesamtgeschehen eingebettet worden. Aufs Feinste austariert erschien der Gestus der atmenden Phrasenbögen. Dem zartfühlend ausformulierten Andante stand ein pulsierendes Scherzo gegenüber. Überzeugend hatte man die Charakteristika des Finalsatzes herausgearbeitet, wobei nichts bedeutungslos gelassen, jede ?erleitung zu genuinem Leben erweckt worden war. Eingeleitet hatte man den Abend mit Brahms' a-Moll-Streichquartett aus op. 51.
 
Deutschlandfunk, 18. April 2003
Charakteristisch für diese Kammermusikvereinigung ist das hohe Maß an gelassener innerer Spannung, die ihre Interpretationen auszeichnet. Sie neigen einfach nicht dazu, der Musik in irgendeiner Weise Gewalt anzutun. Auch bei raschen Tempi gewinnt man den Eindruck, die vier hätten alle Zeit der Welt. Die Musik entsteht wie von selbst aus einem gemeinsamen Atem, und dabei können die vier vor allem auch aufeinander warten – jeder formuliert die Gedanken seiner Stimme frei von Druck. So entstehen diese beiden Mozart-Quartette wie von selbst, werden die tragenden Ideen mit bemerkenswerter Tonkultur dargelegt und bis in die Verästelungen verfolgt. Transparenz der Faktur kommt nicht zuletzt dadurch zustande, daß an allen Pulten ein hohes Maß an Bereitschaft besteht, zurückzutreten, manches nur anzudeuten, um Wichtigeres an anderer Stelle momenthaft aufscheinen zu lassen. Das alles wirkt im besten Sinn konventionell, zeugt von einer Tradition, die das Gegenteil von Schlamperei darstellt, die vielmehr getragen scheint vom intensiven und geistvollen Umgang mit Interpretationsgeschichte. So ist der vorherrschende interpretatorische Gestus doch wohl der der Anspielung. Das wird gerade bei Mozart interessant, der die Anspielung liebte und dessen Stilmittel häufig genug darauf abzielen, zusätzliche Bedeutungshorizonte zu eröffnen, anderes anklingen zu lassen, die Welt der barocken Polyphonie etwa, die Welt des gesungenen Dramas. Es ist denn auch der Reichtum an Assoziationen, der bei dieser Art von Mozart-Interpretation mehr und mehr fesselt, je sorgfältiger man zuhört. So könnte man das Leipziger Streichquartett als eine musikalische Societät beschreiben, die der Aufklärung in ihrer liebenswürdigsten Form huldigt und die dem Zuhörer in diesem Fall auf die zuvorkommenste Weise versichert, bei Mozart könne jeder nach seiner Fasson selig werden. Wie sich herausstellt, ist es tatsächlich gar nicht so schwer, mit diesem Mozart selig zu werden.
 
Leipziger Volkszeitung, 4. November 2002
Keiner steht für den gelungenen Teil der Mendelssohn-Festtage so sehr ie das Leipziger Streichquartett. An den Zyklus "Sämtliche Streichquartette vom Felix Mendelssohn Bartholdy" habe sie sich gewagt, ihn ohne die geringsten Verschleißerscheinungen bewältigt und wieder einmal bewiesen, dass sie inzwischen zum engsten Kreis der Weltspitze gehören. Aus ihrem Ton spricht die edle Brillianz vollendeter Musizierkunst. Wo andere noch an Intonation und Phrasengestaltung arbeiten, können sich die vier Herren längst ungestört mit dem Wesentlichen beschäftigen. Jede Nuance spüren sie auf, finden den Witz und vertiefen düstere Abgesänge. Andreas Seidels Violine ist einfach ein Geschenk, und wenn er seinen Kollegen forsch die Einsätze zuwirft, weht der Wind großer Kunst durch das Ambiente von Mendelssohnhaus, Gohliser Schlösschen oder Gewandhaus. Die Symbiose Mendelssohn - Leipziger Streichquartett ist eine der prachtvollsten der Gegenwart. Auch die Gäste passen und das wunderbare Oktett ist nicht von dieser Welt. Worte wie "Grandios!" oder "Sternstunde!" machen die Runde und kursieren noch die nächsten Tage in den Konzertsälen.
 
Stuttgarter Nachrichten, 4. September 2002
Und wieder haben die Leipziger dem Feuerkopf Beethoven mit ihrem Spiel alle Ehre gemacht. Lakonisch fast, exponieren sie (in op. 18/1) diese unglaublich spröden zwei Takte. Spielend umkreisen sie das Motiv immer wieder, in allen nur denkbaren dynamischen Schattierungen. Unzählig und facettenreich sind die Antworten, die sie erhalten. Im langsamen Satz wagen sie das Unerhörte und eröffnen Klangräume von einer Stille, die so nur bei Morton Feldman zu finden sind. Die Grenzen der Harmonik leuchtem die Leipziger mit modernen Spieltechniken aus, alles "affettuoso ed appassionato" in Vorbereitung auf die formalen Erschütterungen im Scherzo und im Hexentanz des Finales ... Die Leipziger spielen, als läge eine Partitur Schönbergs vor ihnen. Jeder musikalische Parameter – Dynamik, Tempo, Klangfarbe, Rhythmus – erhält sein eigenes Gewicht. Am Ende nur noch Staunen über die Kraft, das Unvereinbare zur klassisch schönen Einheit gezwungen zu hören.
 


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