Complete String Quartets

Krisenmanagement

Zwei einsame Rentierhirten rufen sich melancholische Grüße über den See... Schon mit den ersten Tönen seines Streichquartetts „Voc es intimae“ entführt Jean Sibelius den Hörer in eine faszinierende nordische Vorstellungswelt. Und gleichzeitig beendet er mit diesem Höhepunkt seines kammermusikalischen Wirkens eine persönliche Schaffenskrise, die alles  Spätromantische hinter sich lässt und den Weg in eine moderne und gleichzeitig höchst individuelle Tonsprache weist. Das Leipziger Streichquartett setzt diesem Meilenstein ein Jugendwerk zur Seite, das mit originellen Einfällen überrascht, dabei aber höchsten kompositorischen Ansprüchen genügt.

Kopfarbeit

Als Abschlussarbeit verfasste Sibelius das a-Moll-Quartett 1889 und gewann damit höchste Anerkennung. Dass der Student den Kontrapunkt perfekt beherrscht, belegen schon aufregende Fugato-Passagen im Kopfsatz; ob allerdings auch die Anklänge an den heute in Finnland so populären Tango an der Hochschule gelehrt wurden, bleibt offen... Da und dort scheint Antonin Dvorak als Vorbild gedient zu haben, und auch unvermittelte Wechsel zwischen Dur und Moll verweisen auf die Wurzeln in ost- und nordeuropäischer   folkloristischer Musiktradition.

Kaperfahrt

Klassische Formen lässt Sibelius in den 20 Jahre später entstandenen „Voces intimae“ weit hinter sich. Fünf Sätze umfasst das Werk, in dessen Zentrum ein Adagio von unerhörter Expressivität steht. Die Zerrissenheit des nach Neuem Suchenden ist mit Händen zu greifen, und erst am Ende findet der Satz in wärmendem F-Dur einen versöhnlichen Beschluss.  Eigenartig auch der vierte Satz: Allegretto ma pesante überschrieben, erinnern Duktus und Melodik sehr an einen Shanty...

Kontrastprogramm

Das Leipziger Streichquartett findet in dieser Neueinspielung zu einer Ausdruckstiefe, die Ihresgleichen sucht. Man höre nur einmal die überschäumend-wilde Ausgelassenheit in den Finalsätzen, die in größtmöglichem Kontrast zum einsam-verlassenen Beginn steht! Mit dem frühen a-Moll-Quartett liefern die Leipziger eine willkommene Repertoirebereicherung und machen Lust auf mehr aus dem Kammermusikschaffen des nordischen Sinfonikers.

http://www.mdg.de/pdf/1957.pdf

 

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